I: Deine Karriere im deutschsprachigen Raum erstreckt sich nun schon über mehrere
Jahre und das merkt man auch an Deinen Deutschkenntnissen an. Hast Du Deutsch
bereits vor Deinen ersten Auftritten noch in den USA gelernt, oder erst
sozusagen "learning by doing" ?
Ethan: Ich habe es schon in den USA gelernt, aber nicht speziell für Engagements hier,
sondern für viel einen viel weiteren Zweck. Als ich mit 18 die Ausbildung an der
Universität begonnen habe, hat mir mein damaliger Gesangslehrer empfohlen,
Deutsch zu lernen, weil er nämlich plante mich nach Deutschland und Österreich
zu schicken, um meine Opernausbildung abzurunden und eine Karriere im
Opernbereich für mich zu starten. Also habe ich begonnen morgens um Acht Uhr
einen Deutsch - Intensiv - Kurs zu besuchen - für die nächsten 5 Semester. Wir
hatten eine sehr gute Lehrerin, eine Berlinerin, bei der ich die Grundlagen
gelernt habe. In den vielen Jahren in Wien ist mein Deutsch aber viel
umgangssprachlicher geworden. Meinem Gesangslehrer war diese Ausbildung sehr
wichtig - er hat immer gesagt: "Italiensich kannst Du immer irgendwie lernen,
das ist viel einfacher !" Nun, ich habe seinen Rat befolgt, aber es hat im
Endeffekt eine ganz andere Wirkung gehabt, da ich dann ja doch nicht ins
Opernfach gegangen bin.
Viele Deiner Kollegen beherrschen ja leider außer Ihren Rollentexten kaum die
deutsche Sprache...
...das ist manchmal wirklich bewundernswert. Ich habe erst vor kurzem Drew
Sarich als Glöckner in Berlin gehört, der kein Deutsch kann und alles phonetisch
lernen musste, und er war nicht nur erstaunlich verständlich, sondern konnte
sich sogar gut ausdrücken auf der Bühne. Ich nehme an, das liegt daran, dass er
auch ein Talent für Sprachmelodien hat.
I: Aber erschwert es nicht die Proben, wenn Kollegen bei der Erarbeitung einer
Rolle auch immer noch in Gedanken übersetzen müssen, was sie eigentlich
inhaltlich sagen ?
Ethan: Das ist eher die Arbeit der Kollegen und nicht meine. Ich erwarte, dass die
Kollegen so professionel sind, dass sie sich damit beschäftigen, so weit sie es
müssen - und in den allermeisten Fällen haben sie das auch getan. Lyn Liechty
zum Beispiel kann auch nicht so viel Deutsch, aber sie war immer sehr gut
vorbereitet und wusste immer genau, was sie sagen wollte. Wenn da hier oder da
mal ein kleines "Aktzentchten" durchkommt ist das egal, denn sie spricht den
Text mit vollem Verstand aus. Und bei den meisten Kollegen bessert sich das auch
mit der Zeit, obwohl es auch Kollegen gibt, die schon Jahre dabei sind und noch
immer einen deutlichen Akzent haben, den sie nie verlernen können, einfach weil
der sich eingeprägt hat. Ich hatte das Glück, dass ich ziemlich neutral klinge,
was den Akzent angeht, da meine Mutter Engländerin war und ich deshalb nie einen
richtig starken New Yorker Akzent bekam.
I: Mit Wien hast Du aber mittlerweile lange Zeit in einer Stadt gearbeitet, die
einen sehr schönen eigenen Akzent hat...
Ethan: ...man hat mich mit allen konfrontiert - auch mit den wunderbarsten, tiefsten
Wienerisch. Es dauerte schon ein paar Jahre bis ich die Wiener richtig
verstanden habe.
I: Von Wien ging es für Dich ja nach Bremen - hast Du Dich mittlerweile schon
einleben können ?
Ethan: Auf jeden Fall. Auf seine Weise ist Bremen eine wundervolle Stadt, um dort zu
leben. Es ist zwar klein und nach London, New York und Wien von daher ein
bißchen ein Schock, aber gerade zur Tätigkeit als Jekyll & Hyde ist es sehr
passend. Ich glaube diese Rolle 6 mal die Woche in einer Großstadt mit irgendwie
einer stärkeren gesellschaftlichen Verpflichtung, nachts noch auszugehen und
sich zeigen und präsentieren zu müssen, zu spielen, das wäre einfach zu viel.
Aber in Bremen kann man wirklich ein schönes, ruhiges Leben genießen - das ist
genau das, was ich in dieser Phase brauche. Und im Steintorviertel ist es auch
sehr nett, die Leute dort haben einen wunderbaren Stil. Es laufen sogar viele
Typen mit langen offenen Haaren oder Pferdeschwänzen herum, die aussehen wie
Edward Hyde - ich fühle mich mit meiner Frisur also nicht deplaziert oder
unmodisch. Es gibt viele nette Kneipen in denen man nachts auch noch gut essen
kann ohne in eine Schickeria zu geraten, sodass man gleich wieder das Gefühl
hätte auf einer Bühne zu stehen. Aber Wien ist in dieser Hinsicht auch gar nicht
schlimm. Das Steintorviertel ist einfach eine bezaubernde Nachbarschaft, genau
das was ich bei der Arbeit als Jekyll & Hyde brauche.
I: Aber dafür, dass das Leben nicht zu ruhig wird, sorgt ja Jekyll & Hyde - zu den
6 Vorstellungen kommen ja noch die Promotionauftritte und gerade erst vor kurzem
die Proben für die um 15 Minuten gekürzte Fassung...
Ethan: ...ja ! Aber glücklicherweise war ich an zwei von drei Probetagen noch im
Urlaub, sodass ich nur einen richtigen Probentag hatte. Aber es war eigentlich
schön noch einmal mit Hilsdorf zu arbeiten - sehr erfrischend. Es war gut für
uns alle ein bißchen zum Fundament der Regie zurückzukommen, ein bißchen die
Spannungsfelder wieder aufzubauen, die sich über die Zeit einfach abschwächen.
Hilsdorf hatte mich das Letzte mal vor der Premiere gesehen, sodass es schön
war, an diesem Abend die Show nochmal für ihn zu spielen. Er war sehr angetan.
Man hat sich mit Freude noch einmal am die Kreationsphase erinnert, denn das ist
etwas, das man in einer geclonten Show nicht hat. Wir hatten eine sehr starke
zusammenarbeit - zwischen Hilsdorf und mir. Da behaupten wir gute Dinge gebaut
zu haben. Es war kein Stress für mich an diesem Tag. Die anderen hatten es etwas
schwerer, die schon an den vorigen Tagen mit dem Schneiden des Stückes zu tun
hatten, wo keiner wirklich überzeugt ist, dass das mehr gebracht hat, als dass
es jetzt kürzer ist.
I: Wenn Dir Bremen soviel Ruhe und Entspannung neben Deiner Arbeit bei "Jekyll &
Hyde" geben kann, darf man dann vielleicht auch damit rechnen, dass Du wieder
eine Soloshow entwickelst ?
Ethan: Geistig schon - da kommt langsam wieder etwas. Aber ich muss eindeutig sagen,
gerade bei dieser Rolle muss man mit seinen stimmlichen Mitteln sehr sorgfältig
umgehen. Noch ist es sicherlich zu früh, an etwas konkretes zu denken. Ich finde
erst jetzt, nach 7, 8 Monaten, dass ich mit allen gesanglichen Schwierigkeiten
der Rolle langsam immer vertrauter werde. Ich spüre Monat zu Monat eine
Steigerung - zur Premiere war ich nicht gerade da, wo ich eigentlich sein
wollte, aber jetzt bin ich immer mehr dort, wo ich sein will. Doch die Show ist
noch immer eine Herausforderung - das merken wir alle. Wenn Darius die Rolle 5
oder 6 mal in einer Woche spielt, wenn ich im Urlaub bin, dann merkt er: "Aha,
es ist doch nicht so leicht, das so oft zu machen." Bei dieser Intensität des
Spiels, wenn man es öfter spielt, muss man auch immer mehr mit Gesangstechnik,
Geschick arbeiten - dann kommt die Steigerung, dann kommt die Kraft. Ich habe
jetzt tausendmal mehr Kraft als früher, aber das ist auch durch die Ruhe und die
Konzentration auf die Rolle, die ich aufbringe. Im Frühjahr kann ich dann
vielleicht überlegen, was für Sonderprojekte ich noch machen könnte. Aber ich
habe gelernt, als ich versucht habe einen klassischen Liederabend parallel zu
"Die Schöne & Das Biest" zu machen, dass das nicht geht, dass die Stimme auf
eine bestimmte Richtung eingestellt ist, dass es keinen Sinn macht parallel zu
Jekyll & Hyde klassische Lieder zu singen. Außerdem hat man bei Jekyll & Hyde
nicht nur "stimmhygienische" Dinge zu beachten - man hat auch geistig noch immer
genug zu verarbeiten. Es ist eine von diesen Rollen, die man, glaub ich, nur
schwer abnutzen wird.
I: In Henry´s Bar im Theater werden vom Ensemble regelmäßig kleine After Show Shows
veranstaltet - wird man Dich vielleicht in diesem Rahmen noch einmal erleben
können ?
Ethan: Noch nicht - ich warte ab, bis ich mir sicher bin, dass das eine gute
Auftrittsmöglichkeit ist. Mit was für einem Material ich dort auftreten würde,
habe ich mir auch noch nicht überlegt. Wenn, würde ich es nur vor einer längeren
Urlaubsphase machen. Aber momentan bin ich noch nicht überzeugt, dass es gesund
wäre direkt im Anschluss an Jekyll & Hyde in dem vollen Lokal etwas zu singen.
I: Wo Du die stimmliche Gesundheit gerade ansprichst: hat man nicht auch irgendwo
unterbewusst die Angst sich durch die Rolle, wenn man sie sehr lange spielt,
stimmlich zu überanstrengen ?
Ethan: Diese Angst habe ich hier doch nicht so, wie ich sie damals bei Lucheni hatte -
da hat man wirklich nur rockig herumgebrüllt. Hier habe ich jetzt das Gefühl,
dass es gesanglich auf einem sehr guten Weg ist. Wenn man zwischendurch auch
richtige Urlaube hat, so 4 oder 5 Wochen, oder jede 6 Woche mal eine Offshow
hat, also frei hat - dann ist das für die Gesundheit gut. Aber nein, ich habe
das Gefühl, dass meine Stimme auf einem guten Weg ist und ich habe noch keine
Abnutzungserscheinungen bemerkt. Aber mit der Zeit - das weiß ich nicht. Leslie
Bricusse hat gesagt: "Nach 6 Monaten wirst Du gegen eine Wand laufen, da wirst
Du total auseinanderfallen, körperlich, stimmlich - einfach alles."
Bis jetzt ist das noch nicht passiert, ich werde sogar immer kräftiger, aber
vielleicht kommt diese Wand dann nach einem Jahr ? Aber es kann auch sein, dass
ich alle meine Wände schon zu Anfang überwinden musste und die schwierige Phase
ist schon vorbei ? Aber ich fühle mich auch körperlich fit...
I: ...die körperliche Fitness wird bei dieser Rolle ja auch stark gefordert - wie
ist das z.B. wenn Du im Labor schwebst ?
Ethan: Das ist nicht so schwer. Es ist eher die Ausdauer. So wie eine Rolle auf die
Stimme geht, geht sie auch auf die Knochen und die Muskeln. Aber ich habe das
Gefühl, jetzt ist mein Körper mit dem Bewegungsablauf besser vertraut - man
verschenkt weniger Energie. Das ist bei der Rolle jeder sehr wichtig. Diese
Rolle wird fast zu einem gesunden "Allround - Körper - Trainingssystem Jekyll &
Hyde". Aber auf einer schrägen Bühne besteht immer die Gefahr, sich zu
verletzten - das ist wie bei einer Sportart: je mehr man es übt, desto mehr
Kraft bekommt man auch.
I: Eine der beeindruckendsten Szenen die Du spielst ist sicherlich "Die
Konfrontation", wenn Du immer in rascher Folge zwischen Jekyll und Hyde hin,-
und herwechselst...
Ethan: ...es macht mittlerweile, komischer weise, fast am meisten Spass, denn es ist
wirklich der Moment in der Show, in dem man die heikelsten Stellen stimmlich
schon hinter sich hat. Da kann man einfach Spass haben und auch die Sau
rauslassen und so viel Animosität zwischen den zwei Persönlichkeiten etablieren,
wie möglich - das macht eigentlich richtig Spass. Sicherlich ist es körperlich
am schwierigsten, aber man hat das Gefühl, ja, jetzt habe ich meine Zähne da
wirklich reingebort, in das Fleisch dieser Geschichte. Es macht eigentlich
tierisch Spass. Das hin,- und her ist kein Problem im Vergleich zu dem, was man
in diesem Moment spüren kann.
I: Dieser Moment ist ja eher eine Schauspielszene - aber gibt es auch einen Song,
auf den Du Dich immer besonders freust ?
Ethan: Ich sehe das alles eigentlich als Szene, aber ich finde den Song "Der Weg
zurück" einen fantastischen Titel. Aber das ist schwierig zu beschreiben, denn
es ist alles irgendwie so intensiv. Natürlich ist, gerade für mich, "Dies ist
die Stunde" der Song, bei dem ich am meisten verlieren kann - daher ist das auch
der große Überwindungspunkt für mich. Wenn es super gelaufen ist, dann hat man
ein unglaubliches Gefühl, wenn man schon wieder ein bißchen daneben lag, dann
kommt direkt danach glücklicherweise die erste Verwandlung, denn wenn man
betrübt ist, dass man "Dies ist die Stunde" nicht so gut gesungen hat, wie man
wollte, dann ist man schnell in etwas kräftigem und es ist vergessen. Natürlich
ist "Dies ist die Stunde", wenn man es gut im Griff hat, ein absoluter Höhepunkt
der Show. Aber deswegen ist es natürlich auch am meisten mit Nerven verbunden,
denn es ist eben das Hauptlied und jeder erwartet etwas besonderes. Ein Traum
eben wenn es funktioniert, sonst eher ein Alptraum. Wenn das Tempo und der Ton
stimmt, ist aber auch "Alive" toll zu spielen. Es ist ein Song, bei dem man über
die Monate gelernt hat, sich vielmehr zu vertrauen, vielmehr zu geben, vielmehr
das Böse zu etablieren.
I: Dann war es sicherlich auch schwierig für Dich bei der CD - Aufnahme "Dies ist
die Stunde" so zu interpretieren, dass Du mit Dir selbst zufrieden warst...
Ethan: ...und trotzdem, ich denke für uns alle, schade, denn im Studio klang es noch
ziemlich geil. Da ist in der Abmischung etwas gelaufen, was uns allen nicht
richtig Freude macht. Lyn Liechty war krank, Susanne Dengler war krank - aber
wir waren alle mit unseren gesanglichen Leistungen eigentlich sehr zufrieden. Da
kann man nun lange hin,- und her diskutieren, aber ich hoffe, dass es dazu
kommt, dass man doch noch eine Gesamtaufnahme produziert, für die dann ein
bißchen umgemischt wird. Hoffentlich wird es dann das, was es sein soll. Und
dann wird auch "Alive" hoffentlich mit auf der CD sein - ich habe sehr bedauert,
dass es jetzt nicht mit drauf ist.