ON: Herr Freeman, als Pontius Pilatus in „Jesus Christ Superstar“ wuschen Sie mit unnachahmlich sonorem Bariton in Tecklenburg Ihre Hände in Unschuld, jetzt werden Sie zum blutsaugenden Vampir. Die facettenreiche Figur des Grafen Dracula - eine auf den Leib „gebissene“ Traumrolle
Freeman: Auf jeden Fall! „Dracula“ ist eine von den großen Verwandlungsrollen, in der man als Sänger und Schauspieler alle Register ziehen kann. Von einem „brutalen Mörder“ über „zärtlichen Liebhaber“ bis vom „ewigen Leben Gezeichneten“ hat diese Partie alle Facetten eines dramatischen Antihelden. Es ist ein „gefundenes Fressen“ für einen Musicaldarsteller!
ON: Über 3,5 Mio. Zuschauer faszinierte „Dracula“ seit 1995 in Prag, Moskau und Seoul. Tecklenburg mit seiner natürlichen Burgkulisse ist gewiss ein guter Ort für eine deutsche Erstaufführung. 25 Solisten, 80köpfiger Chor, großes Orchester - welches Gefühl haben Sie zwei Wochen vor der Premiere?
Freeman: Wir kommen sehr gut voran. Das Stück ist nicht unkompliziert, aber mein Gefühl sagt mir, dass wir auf dem besten Wege sind, einen richtigen Knaller auf die Bühne zu bringen.
ON: Tecklenburg, auf den ersten Blick vom Broadway so weit entfernt wie ein Vampir vom Blutspender, ist ja mit seinen professionellen Inszenierungen auf ehrenamtlichen Fundament ein Phänomen in der Musical-Landschaft. Ein besonderer Charme, ein ganz spezielles Arbeiten?
Freeman: Abgesehen von zur Zeit schlechtem Wetter ist die Arbeitsatmosphäre, wie ich sie auch schon bei „Jesus Christ“ erlebt habe, höchst konzentriert, aber, da viele Künstler sich bereits lange kennen, relativ entspannt und locker. Es ist eine fantastische Cast, eine tolle Besetzung! Sie hält jeden Vergleich mit einer deutschen Großproduktion stand.
ON: Mythos, Blut, Sehnsucht und Leidenschaft - Sie sind, mit Dracula bereits verwachsen, singen seit dem 30. April die Partie in Basel. Dean Welterlen inszeniert in Tecklenburg, ein neuer Ansatz oder Parallelen?
Freeman: Allerdings! Das Stück lässt viele Interpretationen zu. In Basel haben wir mit einem osteuropäischem Team das Stück eher als mystisches Psychodrama mit einer fast opernhaften Schwere gesehen. In Tecklenburg kehren wir eher zur Originalkonzeption zurück. Wir wollen das Musical als „romantisches Gruselmärchen“ präsentieren: Die Handlung und die in dem Werk vorhandene Komik soll deutlicher erkennbar sein. Natürlich bietet Tecklenburg eine ganz besondere Stimmung und Magie, die dieser Art von Inszenierung eine intensive Dramatik verleiht.
ON: Schaurig-schönes Musical, Rock-Oper – wie würden Sie das tschechische Werk, das ja im Vergleich z.B. zu Lloyd-Webber-Dauerbrennern noch nicht so bekannt ist, einordnen?
Freeman: „Dracula“ ist sowohl mit „Phantom der Oper“ als auch mit einem modernen Musikdrama, beispielsweise „Elisabeth“, verwandt. Die Autoren haben sowohl Elemente des anglo-amerikanischen Musicals wie der europäischen klassischen Operette zusammengefügt und mit modernem Rock-Popgefühl verfeinert.
ON: Die Handlung spielt in drei Akten vom 16. Jahrhundert in die Gegenwart. Geht es auch um Vampire im übertragenen Sinne, um Themen wie Ausbeutung, Machtmissbrauch und falsche Gefühle?
Freeman: Das Stück macht jede Menge Transfer-Angebote. Es geht um Egoismus, falsche Ideale, Lebensmüdigkeit, Einsamkeit, Hoffnung, Sucht und Liebessehnsucht – all das wird auf unterhaltsame Art gespiegelt. Da kann sich jeder irgendwie wiederfinden.
ON: Ein New Yorker seit 1986 auf Musical-Erfolgskurs in Europa – an welche Rollen denken Sie besonders gerne zurück, welche Partie reizt in der Zukunft?
Freeman: Wahrscheinlich waren für mich das „Phantom“, „Jekyll and Hyde“ und „Lucheni“ („Elisabeth“) in der Rückschau die wichtigsten Stationen meiner bisherigen Karriere. Aber auch alle anderen Partien wie das „Biest“, „Javert“, „Gus“ und „Leopold“ haben mir als Künstler unglaublich viel gegeben. Ich freue mich darauf, Ende des Jahres in Bremen noch einmal den Che in „Evita“ spielen zu dürfen.
ON: „Burg-Intendant“ Radulf Beuleke spielt im diesjährigen Kinder-Musical das Biest, die Rolle sangen Sie in der erwachsenen Version vor 10 Jahren in Wien. Haben Sie ihm Tipps gegeben, wie finden Sie die Tecklenburger Version?
Freeman: Sorry! Ich bin momentan ganz auf die Premiere fixiert, aber es steht natürlich dick auf dem Zettel. Ich habe sehr viel Gutes gehört. Viele Kollegen wie Sascha Krebs, Sven Olaf Denkinger oder Doris Marlis haben es gesehen und richtig geschwärmt. Die spektakuläre Biest-Maske von Radulf würde mir gewiss auch gut stehen, aber Dracula kommt natürlich dämonischer daher.
ON: Sie wirken so relaxt und ausgeglichen trotz der vielen Engagements. Sie sind seit drei Monaten taufrisch mit Monika J. Dehnert verheiratet, auch sie spielt in Tecklenburg. Familienmensch oder überzeugter, manchmal heimatloser Globetrotter – was sind Sie denn für einer?
Freeman: Ein bisschen von beiden Polen. Die starke Partnerschaft mit meiner Frau Monika ist in allen Lebensbereichen von größter Wichtigkeit. Wir haben aber auch beide etwas Nomadenblut und Abenteuerlust in uns, sehr passend zum Theaterleben.
ON: Gibt’s Hobbys oder Ticks zur Entspannung – ein Glas Rotwein als Ersatzstoff liegt ja in Dracula-Zeiten nahe?
Freeman: Ein gutes Glas Rotwein ist immer prima und etwas gesünder als Blut. Ansonsten entspannt man sich gerne mit Lesen, Quatschen, Kochen und „Vor-der-Glotze-Abhängen“. Anders gesagt: Ein ganz normaler Vampir!