Portrait - "Musical Cocktail"
Ethan, du hast ja an die 1000 x die Rolle des Phantoms gespielt. Zwar nicht am Stück - aber doch immer über einen grösseren Zeitraum. Auch hast Du die Rolle ja nicht nur in unterschiedlichen Ländern ( Wien, Österreich - London, England - Toronto, Kanada ). Trotz allem - wie motiviert man sich jeden Tag und für jede Show aufs Neue um eine - und für die bist Du bekannt - gleich bleibende Qualität abzuliefern ?
Natürlich ist es mein Beruf, eine von mir angenommene Rolle, jedes Mal, in einer - wenn es geht - optimalen Leistung ans Publikum zu bringen. Wir sind zwar alle auch nur Menschen und haben unsere guten und schlechten Tage ... aber als Schauspieler sollte man in der Lage sein beim Betreten des Theaters seine persönlichen Probleme, Ärger oder auch nur die Tageslaune beim Pförtner "abzugeben" und sich Schritt für Schritt die Persönlichkeit der darzustellender Person anzuziehen. Gott sei Dank hatte ich bis jetzt Glück mit meinen Rollen in Long Run Produktionen in denen meine Partien immer interessante und facettenreiche Persönlichkeiten waren und sind, sodass es nie langweilig wurde und man immer wieder eine neue facette des Charakters entdeckt, den man noch nicht genug durchleuchtet hat. Außerdem war es z.B. beim Phantom für mich eine spannende, persönliche Erfahrung, mich dabei zu beobachten, wie spiele ich das Phantom als 29,- jährigen, was ist anders als 35,- jähriger oder eben als 38,- jähriger Mann. So wie ich mich weiter entwickelte, so entwickelte sich das Phantom auch weiter mit mir. Es ist mein künstlerischer Anspruch eine Rolle nur so lange zu spielen wie ich sie mit leben füllen kann und die Herausforderung und der Reiz für mich als Darsteller gegeben ist. Nur so kann das Publikum zufrieden sein. Ich versuche immer das Top der Tagesverfassung herauszuholen und alles zu geben. Ich versuche stets die Leute zufrieden zu stellen, die die Vorstellung zum ersten mal sehen und auch jene, welche die Show das zwanzigste mal gesehen haben.
Das klingt als ob man sich in diesem Beruf immer am Rande der "Selbstaufgabe" bewegt. Wie schaffst du es dein ICH und auch dein Privatleben zu schützen ?
Ich versuche stets sehr selbstkritisch mit mir umzugehen und eine gewisse Ehrlichkeit zu mir und meiner Leistung zu bewahren. Dies bedeutet, stets mit sich reden, ein in sich gehen. Nur wenn ich zu meinem Tun und Handeln stehen kann, ist es mir möglich, so in mir selbst zu ruhen, um mir, ohne Schaden zu nehmen immer neue Persönlichkeiten anzuziehen. Zwar sollte man offen für die Augen und Ohren um sich herum sein, jedoch bin ich der Meinung, wenn man sich glücklich schätzen darf eine Hand voll wirklich guter Ratgeber um sich gescharrt zu haben, das Optimum an Freundschaften und Ratschlägen erreicht zu haben.
Noch einmal zurück zum Phantom, ... dadurch, dass du ja die Erfahrung in drei verschiedenen Ländern machen dürftest, konntest du wesentliche Unterschiede in den Rahmenbedingungen der Künstler feststellen ?
Sicherlich hat jede Produktion, genauso wie jedes Land und jedes Publikum seine Eigenarten und Besonderheiten. Aber letztendlich hatte ich das Glück, über die Jahre meiner Laufbahn, durchweg positive Erfahrungen machen zu dürfen. Stets fühlte ich mich als Künstler respektiert und wahrgenommen. Die Erfahrung in Toronto war natürlich eine absolute Ausnahmeerscheinung und dadurch auch ein besonderes Highlight in meinem Leben. Dort wurde ich wie ein Hollywoodstar behandelt, mit Limousine und so...
Wie denkst du darüber, dass es so scheint, als ob in vielen Produktionen nur mehr eine Altersklasse auf der Bühne steht und sich die Darsteller auch optisch sehr ähneln. Mir fehlt da persönlich etwas mehr Individualismus...!?
Ja, es ist schon schade, wenn wirklich nur eine Optik, ein Alter präsentiert wird. Nicht nur für die jungen Kollegen, die oftmals keine Zeit für die eigene Entwicklung haben, sondern vor allem fürs Publikum. Man muss sich das so vorstellen... Im Laufe von Lebensjahren mit sich ständig erweiternder Bildung und Lebenserfahrung erhöht sich natürlich auch das Potential im Topf aus dem man die Figur kreieren kann, die man zu spielen hat. Es nützt nichts eine Figur nur zu spielen. Auf der Bühne muss dieser Charakter in seiner absoluten ECHTHEIT erscheinen. Das Beste ist, wenn man als Darsteller so authentisch ist, dass das Publikum glaubt, man würde spüren wie diese Figur denkt. Das ist doch genau wie bei einem Maler. Hat er nur wenige Farben auf seiner Palette, kann das Portrait nur sehr oberflächlich entstehen. Aber umso mehr Farben der Künstler zur Verfügung hat, desto detailerter und ausgefeilter kann er sein Portrait wiedergeben. Ja, es sind viele Dinge nötig, um eine figur nicht nur dreidimensional sonder achtdimensional erscheinen zu lassen.
Ethan Freeman beweist jeden Abend, dass er dem, was er sagt, auch Tagen folgen lässt. Als Mozarts Vater spürt man seinen Stolz, seine Zerissenheit, als er den Sohn ziehen lassen muss, seine mitunter kalte Härte und auch die vorsichtig aufflammende Zuneigung die Leopold seinem Wolfgang selten entgegenbringt. Er stellt diese Figur genauso glaubwürdig da, wie man es zuletzt bei ihm als Jekyll & Hyde erlebt hat. Auch hier war sein Spiel nuancenreich und spannend. Am herausragendsten war, dass er bei diesen beiden Figuren - der Massenmörder und der integere Arzt - nie einen krassen Trennungsstrich gezogen hatte, sondern man durchaus beim "guten" Dr. Jekyll die Saat spürte, die dann in der Verwandlung zu Hyde vollständig zum Tragen kam. So wird jeder Abend mit ihm nicht nur zu einem dreidimensionalen sondern zu einem achtdimensionalen erlebnis wird.